Jackass
06.02.2011, 15:31
Die Zahlen lagen auf meinem Tisch. Ich konnte sie nicht fassen.
„1 Million Fans sind gegen mich?“
Horst blickte aus seiner Demuts-Geste in der Ecke des Raums auf. „Es ist die Wahrheit, Eure Exzellenz.“
Fassen konnte ich es nicht. 1 Million? Ein paar Tausend dieser ewrig Gestrigen, die mit dem Manuel noch in einer Spielstraße spielten, ja. Dass die gegen mich waren, das konnte ich erwarten. Aber so viele...?
Von dem Fenster meines Büros konnte ich sie sehen. Diese seelenlosen, hoffnungslosen Gesichter, die unabhängig von ihrem Alter ihren Lebenswillen schon lange verloren hatten. Gebrochen vom Leben, von dieser Stadt, von diesem Verein. Meine Spieler.
Eines dieser belanglosen und beliebig austauschbaren Gesichter blickte nach oben. Es lächelte. Es winkte.
„Horst,“ fragte ich, und zeigte auf den grenzdebilen Mann, der dort unten stand und seine Hand unrhymitsch auf und ab bewegte. „Wer ist das?“
„Huntelaar,“ sagte Horst, der in feinem 30cm Abstand neben mir sein Gesicht in den Velourteppich drückte.
„Huntelaar“ ließ ich mir den Namen auf der Zunge zergehen. „Wann habe ich den verpflichtet?“
„Vor einem halben Jahr, eure Exzellenz.“
Während ich meine Kaffeetasse nachdenklich auf Helds Kopf abstellte, warf ich noch einen Blick auf diesen Mann. Tatsächlich konnte ich mich dunkel erinnern, ihn irgendwann geholt zu haben. Aber in diesem Job, in diesem Verein verschwimmen Gesichter, wechselt das Grau der Stadt mit dem Grau der Gesichter, verflüchten sich Namen ebenso wie Hoffnungen, sind Erinnerungen so austauschbar wie Linksverteidiger.
„Er fährt heute zu den Ultras,“ sagte ich. Es sollte ihm eine Lehre sein, mich direkt anzusehen. Nicht umsonst hatte ich den Bremer Verhaltenskodex vorher umgeschrieben und feste Regeln aufgestellt. Aber sie hören nicht mehr auf mich. Sie blicken mich sogar an.
Ich nickte zustimmend, als Tönnies und Oliver Reck den noch immer winkenden Holländer an den Armen packten. Offenbar fragte er erstaunt, was passierte, und Oliver sagte ihm etwas. Ich liebe diesen Moment, wenn sie erfahren, was passiert, wenn sie erkennen, welch Fehler sie begangen haben und wie viel sie dafür zahlen müssen.
Er wehrte sich. Ich lächelte sanft. Er hatte sich selten in letzter Zeit so viel bewegt und so verbissen Zweikämpfe geführt. Vielleicht würde es ihm eine Lehre sein, dieser Nachmittag mit den Ultras, diesen Schalker Fans, die alle fünf Minuten in die Lobpreisungen von Manuel Neuer übergingen. Wüßten sie doch, ja, wüßten sie doch, dass ich ihn bereits zur nächsten Saison an das Münchener Imperium im Tausch gegen Altintop, Pranjiic und Ottl und fünfzehn Millionen Euro verschleudert habe. Ein Spieler geht, drei kommen, und Geld. Mein Blick fiel zur Seite – mein Selbstporträt, auf dem Raul und Kluge neben mir knieten und zu mir aufblickten, lächelte mir zu. Du hast es richtig gemacht, Felix. Wieder einmal.
Das habe ich. Und doch, und doch...eine Million gegen mich. Eine Million, dachte ich, während Klaas jetzt weinte und bettelte. Aber es half nichts. Raul brachte die Autogrammkarten. Er legte ihm sie in die Hände, nahm seinen Kopf zwischen die Hände und küßte ihn zärtlich. Dieser Raul, dachte ich, während ich den Rest meines Kaffees in den Hemdkragen von Horst schüttelte. Manchmal ist es wahr, was Leute wie Dickens schrieben. Es gab Menschlichkeit auch in den dunkelsten aller Orten, selbst hier, in diesem von Gott und den UN-Menschenrechten verlassenen Ort.
*
Als mich am Abend mein Chauffeur, einer dieser namenslosen chinesischen Lizenzspieler, die ich mir halte, vor meinem Haus absetzte, stellte ich zu meinem Missfallen fest, dass Sarpei noch immer mit dem Reinigen meiner Fenster beschäftigt war. Doch ich tadelte mich selbst – was konnte ich anderes erwarten von einem Afrikaner. Ich entschied, darüber heute abend hinwegzusehen. Morgen, ja morgen, da wäre ein anderer Tag. Er würde Medizinbälle jonglieren müssen. Drei Stück, für 15 Minuten, Wenn ihm einer runterfällt, dann würde er das Erniedrigendste tun müssen, was der Schalker Profifußball zu bieten hat. Er würde Kevin Kuranyi anrufen müssen. Kevin hatte ein neues Gedicht geschrieben, habe ich gehört. Eine „Ode an die Schiffahrt“. Sarpei würde danach nie wieder der gleiche Mensch sein. Oder, er würde nie wieder ein Mensch sein.
Gedankenverloren hängte ich meinen Regenschirm um den Hals meines jüngsten Sohnes und stellte meinen Aktenkoffer auf den Rücken meiner am Boden knieenden Frau ab. Ein Blick in mein Arbeitszimmer – wenigstens hier keine Enttäuschung. Mein Fußballmanager Spielstand von Anstoss 4 war bereits geladen. Das Scouting konnte beginnen.
*
Als ich den Kader der Stuttgarter Kickers aus der Saison 2004 durchklickte, war ich überrascht. Tatsächlich wagte es mein ältester Sohn, mich ohne offiziellen Termin anzusprechen. Ich blickte mich um. Der Junge, dessen Namen ich so schnell vergessen hatte wie den letzten Bilanzbericht, blickte mich traurig an. Die Erbärmlichkeit menschlicher Gefühle glitzerte in seinen feuchten Augen. Wohin könnte ich ihn verkaufen, dachte ich. Würde der Scheich von Manchester City drei Kamele für einen holden Jüngling bieten? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Diese Scheichs waren so unberechenbar wie Metzelders Stellungspiel.
„Ich habe ein Geschenk für Dich, Vater,“ sagte er leise stammelnd.
Langsam drücke ich meinen Daumen an meinen Zeigefinger. Zu meinem Verdruss funktionierte der Darth-Vader-Trick immer noch nicht. Er atmete weiter.
Mit einer gnädigen Handgeste deutete ich ihm an, die in häßlichem Schalker Geschenkpapier versteckte Dreingabe abzulegen. Der Junge tat es, und hastete eilig aus dem Raum.
*
Es war ein Film. Er hieß 300. Der Titel gefiel mir. Ich unterbrach meine Saison mit dem AC Mailand nach dem Verkauf von Paolo Maldini, und schob die DVD in meinen Computer.
Welch interessantes Konzept! Dreihundert Griechen halte eine Million Irre auf. 300, dachte ich. 300...
...und der Gedanke hing noch nach, als ich mich in mein Bett legte. Schmitz fächelte mir geduldig kühlte Luft zu, und Edu sang sanft und leise traurige Zigeneurlieder, während ich in den Schlaf abdriftete...
...300....
*
„Die Geschichte hat es bewiesen.“
„300?“
„Ja. Sie halten eine Million auf.“
Während Horst Held meine Schuhe geduldig putzte, blickte er stirnrunzeld auf. „Aber verloren die Spartaner nicht am Ende...?“
Ein intelligenter Einwurf, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen mußte. Tatsächlich hatten die Versager-Griechen am Ende verloren. Ich mußte etwas anders machen als sie...
*
„Und in diesem Kloster finde ich ihn,“ fragte ich argwöhnisch.
Der Mönch nickte. „He's here. Please take him. Need go. Please.“
Das Flehen des Mönches beeindruckte mich nicht. Bommels Berater hatte mehr gefleht und geweint als Diana vor der Hochzeitsnacht mit Prinz Charles. Er wollte sicherlich nur den Preis in die Höhe treiben.
Aber man führte mich nicht direkt in das Kloster, hier, am Rande Teherans. Wahrscheinlich war es kein Kloster. Mein Scout hatte irgendwas von Koranschule gemurmelt. Aber mir war es egal. Ob Gott, Allah, Buddha oder einer dieser obskuren japanischen Glaubens – jeder Glaube, der keine Götenbilder von mir schuf, lag falsch, und bedurfte keiner näheren Beobachtung.
Gleichwohl war ich leicht überrascht als man mich in eine Art Arena führte. Rund 200 Männer, von denen ich glaube ich noch keinen verpflichtet hatte (doch wer konnte sicher sein in dieser Welt austauschbarer Trikots?), hatten sich um eine Art Ring versammelt. Sie riefen Namen:
„Daei!“
„Karimi!“
„Daei!!!!!!“
„Kaaarimi!“
Zwei Männer wurden in die Arena gebracht. Beide trugen ein Trikots des FC Bayern München, vielleicht von verschiedenen Saisons. Einer hochgewachsen, mit einem Schnurrbart. Ich überlegte, ihn zu verpflichten. Den Schnurrbart könnte ich abrasieren und ihn nutzen für eine Eigenhaartransplantation. An mir.
Doch es war der andere Perser, der meinen Blick erhaschte. Ungewaschen, ungekämmt, mit langen Haaren, mit einem Blick, der schon lange weder Tageslicht noch Hoffnung erblickt hatte. Er sah bereits so aus wie einer meiner Spieler.
Beiden Männern wurde ein Fußball gegeben. Sie fingen an, den Ball zu jonglieren, und die Menge jubelte ihnen zu. Handys wurden gezückt, und Videos für Youtube geladen. Dies hier war eine Welt, die ich mochte.
Als Daei den Fußball auf seinem Kopf balancierte, begannen die Männer, mit Büchern zu werfen. Ich glaube, es waren von Frauen geschriebene Bücher.
„Verstehen Sie, was hier passiert?“ fragte mich eine Stimme.
Ich blickte mich um. Neben mir saß ein Mann, der von acht Frauen unterschiedlichen Alters begleitet wurde, die sich eines Horst Held würdig zu seinen Knien versammelt hatten.
Ich nickte. „Hallo Mehdi.“
Mehdi nickte. „Hallo Felix. Paß auf. Beide Spieler sind arbeitslos, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Die Regierung hat erlaubt, dass wir von einem neue Youtube-Videos hochladen. Wir bewerfen sie mit alten Kicker-Heften und Alice-Schwarzer-Büchern während sie mit dem Ball jonglieren. Fällt der Ball runter, verlieren sie.“
Es war eine Ironie eines absurden Schicksals, dass ausgerechnet das Kicker-Sonderheft 2003 Daie just in dem Moment am Kopf traf, als er den Ball auf der Schulter jonglierte. Der Ball fiel weg. Die Menschen jubelten. Drei Männer zogen Daei weg.
„Was passiert mit ihm?“ fragte ich.
„Wir machen ihn zum Nationaltrainer. Für zwei Monate. Danach...“ Mehdi lächelte. „Danach findet man bei ihm Material. Vielleicht ein Buch von Rousseau. Vielleicht eine Biographie von Clinton. Und dann wird Ali Daei lange Zeit das Sonnenlicht nicht sehen.“
Ich nickte. Eine brauchbare Methode, um einen Menschen dauerhaft abzuschieben. Auf vergleichbare Weise konnte ich mich Christoph Daum erledigen.
*
„Das ist nicht mehr meine Liga,“ sagte Karimi zu meinem Übersetzer, als er sich das Bayerntrikot über den Kopf zog. „Ich habe dem professionellen Fußball dem Rücken gekehrt.“
Ich nickte. „Ich weiß. Das war während Deiner Bayernsaison. Aber es gibt manche Kriege, die es noch zu schlagen gibt...“
Er schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Schau Dir dies an,“ sagte ich, und reichte ihm seinen Vertrag.
Karimi blickte auf. „Dort ist bei Gehalt nichts eingetragen.“
„Trag Du eine Nummer ein. Egal welche.“
Sie alle taten es. Sie alle unterschreiben. Er auch.
Mein Masterplan ging auf. Ich hatte einen Perser. Wenn 300 Griechen alleine nicht eine Million Perser aufhalten, vielleicht, ja vielleicht brauchen sie die persische Unterstützung. Aber noch fehlte mir etwas...
*
Der Arzt im Gelsenkirchener Krankenhaus schüttelte seinen Kopf.
„Der spielt nie wieder Fußball.“
Als ich klein war, hat mir mein Vater eine Geschichte erzählt über das Seelenlose Böse. Das Böse ohne Augen, mit Augenhöhlen, in denen nur die tiefste Schwärze der menschlichen Bösheit zurückblickt.
Ich blickte in diese Augen. Nahezu bettelnd hob Angelos seine Arme, die an meinem Kaschmirmangel emporglitten. „Biiiiittttte....Felix.....beende es....“
Sein Blick ging zu seinem Kissen. Wie einfach wäre es? Es nehmen, es auf sein Gesicht legen. Das Ende aller Fragen. Das Ende aller Sorgen. Gegangen als Europameister.
Aber noch war seine Zeit nicht gekommen. Noch war es möglich, ihn zu retten. Ich stand von Horst Helds Rücken auf, und nahm die Flasche aus dem Mantel, die ich mitgebracht hatte. Gekonnt öffnete ich sie mit Horst Helds Zähnen. Ich blickte mich um; kein Krankenhauspersonal weit und breit in der Nähe. Auch Menschen, die täglich mit dem Tod umgingen, wollten nicht hier sein, in diesem Zimmer der Hoffnungslosigkeit und der nicht endend wollenden Verzweiflung.
Ich klemmte den Tropf an. Moderne Medizin heilte vielleicht Körper, aber nicht Seelen, dachte ich, als ich den Ouzo in den Tropf füllte. Diese Akademiker verstanden Fußball und Fußballer nicht.
Als ich wieder auf Horst Helds Rücken saß, fühlte ich mich wie Gandalf der Weiße, als er Egidius Braun aus der Trance holte, in die ihn Michael A. Roth versetzt hatte. Das Leben kehrte in ihn zurück wie in Angelos. Blässe wurde durch die Röte ersetzt; ein unregelmäßiger Herzschlag began, wie ein Kind zur Kinderdisco im Club-Urlaub zu tanzen. Augen öffneten sich. Ein Körper erhob sich. Ich war ihm einen Ball zu. Er köpfte, und der Fernseher implodierte von der Wucht des ihn treffenden Balles.
*
Am Abend stand ich wieder vor dem Fenster meines Büros. 299 Spieler schleppten Ziegelsteine für mein Denkmal. Nur Huntelaar lag noch in der Ecke, in eine Embroystellung verkrochen, und streichelte eine Charly-Dörfel-Figur. Die Nacht brach heran. Die Skl...Spieler würden lange arbeiten müssen. Für ein Denkmal. Für ein besseres Schalke. 300 gegen 1 Million. Ich hatte es vorbereitet.
Geschichte wiederholt sich. Aber hier, hier auf meine Art, dachte ich und drückte meine Zigarre auf Horst Stirn aus. Welch guter Tag.
„1 Million Fans sind gegen mich?“
Horst blickte aus seiner Demuts-Geste in der Ecke des Raums auf. „Es ist die Wahrheit, Eure Exzellenz.“
Fassen konnte ich es nicht. 1 Million? Ein paar Tausend dieser ewrig Gestrigen, die mit dem Manuel noch in einer Spielstraße spielten, ja. Dass die gegen mich waren, das konnte ich erwarten. Aber so viele...?
Von dem Fenster meines Büros konnte ich sie sehen. Diese seelenlosen, hoffnungslosen Gesichter, die unabhängig von ihrem Alter ihren Lebenswillen schon lange verloren hatten. Gebrochen vom Leben, von dieser Stadt, von diesem Verein. Meine Spieler.
Eines dieser belanglosen und beliebig austauschbaren Gesichter blickte nach oben. Es lächelte. Es winkte.
„Horst,“ fragte ich, und zeigte auf den grenzdebilen Mann, der dort unten stand und seine Hand unrhymitsch auf und ab bewegte. „Wer ist das?“
„Huntelaar,“ sagte Horst, der in feinem 30cm Abstand neben mir sein Gesicht in den Velourteppich drückte.
„Huntelaar“ ließ ich mir den Namen auf der Zunge zergehen. „Wann habe ich den verpflichtet?“
„Vor einem halben Jahr, eure Exzellenz.“
Während ich meine Kaffeetasse nachdenklich auf Helds Kopf abstellte, warf ich noch einen Blick auf diesen Mann. Tatsächlich konnte ich mich dunkel erinnern, ihn irgendwann geholt zu haben. Aber in diesem Job, in diesem Verein verschwimmen Gesichter, wechselt das Grau der Stadt mit dem Grau der Gesichter, verflüchten sich Namen ebenso wie Hoffnungen, sind Erinnerungen so austauschbar wie Linksverteidiger.
„Er fährt heute zu den Ultras,“ sagte ich. Es sollte ihm eine Lehre sein, mich direkt anzusehen. Nicht umsonst hatte ich den Bremer Verhaltenskodex vorher umgeschrieben und feste Regeln aufgestellt. Aber sie hören nicht mehr auf mich. Sie blicken mich sogar an.
Ich nickte zustimmend, als Tönnies und Oliver Reck den noch immer winkenden Holländer an den Armen packten. Offenbar fragte er erstaunt, was passierte, und Oliver sagte ihm etwas. Ich liebe diesen Moment, wenn sie erfahren, was passiert, wenn sie erkennen, welch Fehler sie begangen haben und wie viel sie dafür zahlen müssen.
Er wehrte sich. Ich lächelte sanft. Er hatte sich selten in letzter Zeit so viel bewegt und so verbissen Zweikämpfe geführt. Vielleicht würde es ihm eine Lehre sein, dieser Nachmittag mit den Ultras, diesen Schalker Fans, die alle fünf Minuten in die Lobpreisungen von Manuel Neuer übergingen. Wüßten sie doch, ja, wüßten sie doch, dass ich ihn bereits zur nächsten Saison an das Münchener Imperium im Tausch gegen Altintop, Pranjiic und Ottl und fünfzehn Millionen Euro verschleudert habe. Ein Spieler geht, drei kommen, und Geld. Mein Blick fiel zur Seite – mein Selbstporträt, auf dem Raul und Kluge neben mir knieten und zu mir aufblickten, lächelte mir zu. Du hast es richtig gemacht, Felix. Wieder einmal.
Das habe ich. Und doch, und doch...eine Million gegen mich. Eine Million, dachte ich, während Klaas jetzt weinte und bettelte. Aber es half nichts. Raul brachte die Autogrammkarten. Er legte ihm sie in die Hände, nahm seinen Kopf zwischen die Hände und küßte ihn zärtlich. Dieser Raul, dachte ich, während ich den Rest meines Kaffees in den Hemdkragen von Horst schüttelte. Manchmal ist es wahr, was Leute wie Dickens schrieben. Es gab Menschlichkeit auch in den dunkelsten aller Orten, selbst hier, in diesem von Gott und den UN-Menschenrechten verlassenen Ort.
*
Als mich am Abend mein Chauffeur, einer dieser namenslosen chinesischen Lizenzspieler, die ich mir halte, vor meinem Haus absetzte, stellte ich zu meinem Missfallen fest, dass Sarpei noch immer mit dem Reinigen meiner Fenster beschäftigt war. Doch ich tadelte mich selbst – was konnte ich anderes erwarten von einem Afrikaner. Ich entschied, darüber heute abend hinwegzusehen. Morgen, ja morgen, da wäre ein anderer Tag. Er würde Medizinbälle jonglieren müssen. Drei Stück, für 15 Minuten, Wenn ihm einer runterfällt, dann würde er das Erniedrigendste tun müssen, was der Schalker Profifußball zu bieten hat. Er würde Kevin Kuranyi anrufen müssen. Kevin hatte ein neues Gedicht geschrieben, habe ich gehört. Eine „Ode an die Schiffahrt“. Sarpei würde danach nie wieder der gleiche Mensch sein. Oder, er würde nie wieder ein Mensch sein.
Gedankenverloren hängte ich meinen Regenschirm um den Hals meines jüngsten Sohnes und stellte meinen Aktenkoffer auf den Rücken meiner am Boden knieenden Frau ab. Ein Blick in mein Arbeitszimmer – wenigstens hier keine Enttäuschung. Mein Fußballmanager Spielstand von Anstoss 4 war bereits geladen. Das Scouting konnte beginnen.
*
Als ich den Kader der Stuttgarter Kickers aus der Saison 2004 durchklickte, war ich überrascht. Tatsächlich wagte es mein ältester Sohn, mich ohne offiziellen Termin anzusprechen. Ich blickte mich um. Der Junge, dessen Namen ich so schnell vergessen hatte wie den letzten Bilanzbericht, blickte mich traurig an. Die Erbärmlichkeit menschlicher Gefühle glitzerte in seinen feuchten Augen. Wohin könnte ich ihn verkaufen, dachte ich. Würde der Scheich von Manchester City drei Kamele für einen holden Jüngling bieten? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Diese Scheichs waren so unberechenbar wie Metzelders Stellungspiel.
„Ich habe ein Geschenk für Dich, Vater,“ sagte er leise stammelnd.
Langsam drücke ich meinen Daumen an meinen Zeigefinger. Zu meinem Verdruss funktionierte der Darth-Vader-Trick immer noch nicht. Er atmete weiter.
Mit einer gnädigen Handgeste deutete ich ihm an, die in häßlichem Schalker Geschenkpapier versteckte Dreingabe abzulegen. Der Junge tat es, und hastete eilig aus dem Raum.
*
Es war ein Film. Er hieß 300. Der Titel gefiel mir. Ich unterbrach meine Saison mit dem AC Mailand nach dem Verkauf von Paolo Maldini, und schob die DVD in meinen Computer.
Welch interessantes Konzept! Dreihundert Griechen halte eine Million Irre auf. 300, dachte ich. 300...
...und der Gedanke hing noch nach, als ich mich in mein Bett legte. Schmitz fächelte mir geduldig kühlte Luft zu, und Edu sang sanft und leise traurige Zigeneurlieder, während ich in den Schlaf abdriftete...
...300....
*
„Die Geschichte hat es bewiesen.“
„300?“
„Ja. Sie halten eine Million auf.“
Während Horst Held meine Schuhe geduldig putzte, blickte er stirnrunzeld auf. „Aber verloren die Spartaner nicht am Ende...?“
Ein intelligenter Einwurf, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen mußte. Tatsächlich hatten die Versager-Griechen am Ende verloren. Ich mußte etwas anders machen als sie...
*
„Und in diesem Kloster finde ich ihn,“ fragte ich argwöhnisch.
Der Mönch nickte. „He's here. Please take him. Need go. Please.“
Das Flehen des Mönches beeindruckte mich nicht. Bommels Berater hatte mehr gefleht und geweint als Diana vor der Hochzeitsnacht mit Prinz Charles. Er wollte sicherlich nur den Preis in die Höhe treiben.
Aber man führte mich nicht direkt in das Kloster, hier, am Rande Teherans. Wahrscheinlich war es kein Kloster. Mein Scout hatte irgendwas von Koranschule gemurmelt. Aber mir war es egal. Ob Gott, Allah, Buddha oder einer dieser obskuren japanischen Glaubens – jeder Glaube, der keine Götenbilder von mir schuf, lag falsch, und bedurfte keiner näheren Beobachtung.
Gleichwohl war ich leicht überrascht als man mich in eine Art Arena führte. Rund 200 Männer, von denen ich glaube ich noch keinen verpflichtet hatte (doch wer konnte sicher sein in dieser Welt austauschbarer Trikots?), hatten sich um eine Art Ring versammelt. Sie riefen Namen:
„Daei!“
„Karimi!“
„Daei!!!!!!“
„Kaaarimi!“
Zwei Männer wurden in die Arena gebracht. Beide trugen ein Trikots des FC Bayern München, vielleicht von verschiedenen Saisons. Einer hochgewachsen, mit einem Schnurrbart. Ich überlegte, ihn zu verpflichten. Den Schnurrbart könnte ich abrasieren und ihn nutzen für eine Eigenhaartransplantation. An mir.
Doch es war der andere Perser, der meinen Blick erhaschte. Ungewaschen, ungekämmt, mit langen Haaren, mit einem Blick, der schon lange weder Tageslicht noch Hoffnung erblickt hatte. Er sah bereits so aus wie einer meiner Spieler.
Beiden Männern wurde ein Fußball gegeben. Sie fingen an, den Ball zu jonglieren, und die Menge jubelte ihnen zu. Handys wurden gezückt, und Videos für Youtube geladen. Dies hier war eine Welt, die ich mochte.
Als Daei den Fußball auf seinem Kopf balancierte, begannen die Männer, mit Büchern zu werfen. Ich glaube, es waren von Frauen geschriebene Bücher.
„Verstehen Sie, was hier passiert?“ fragte mich eine Stimme.
Ich blickte mich um. Neben mir saß ein Mann, der von acht Frauen unterschiedlichen Alters begleitet wurde, die sich eines Horst Held würdig zu seinen Knien versammelt hatten.
Ich nickte. „Hallo Mehdi.“
Mehdi nickte. „Hallo Felix. Paß auf. Beide Spieler sind arbeitslos, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Die Regierung hat erlaubt, dass wir von einem neue Youtube-Videos hochladen. Wir bewerfen sie mit alten Kicker-Heften und Alice-Schwarzer-Büchern während sie mit dem Ball jonglieren. Fällt der Ball runter, verlieren sie.“
Es war eine Ironie eines absurden Schicksals, dass ausgerechnet das Kicker-Sonderheft 2003 Daie just in dem Moment am Kopf traf, als er den Ball auf der Schulter jonglierte. Der Ball fiel weg. Die Menschen jubelten. Drei Männer zogen Daei weg.
„Was passiert mit ihm?“ fragte ich.
„Wir machen ihn zum Nationaltrainer. Für zwei Monate. Danach...“ Mehdi lächelte. „Danach findet man bei ihm Material. Vielleicht ein Buch von Rousseau. Vielleicht eine Biographie von Clinton. Und dann wird Ali Daei lange Zeit das Sonnenlicht nicht sehen.“
Ich nickte. Eine brauchbare Methode, um einen Menschen dauerhaft abzuschieben. Auf vergleichbare Weise konnte ich mich Christoph Daum erledigen.
*
„Das ist nicht mehr meine Liga,“ sagte Karimi zu meinem Übersetzer, als er sich das Bayerntrikot über den Kopf zog. „Ich habe dem professionellen Fußball dem Rücken gekehrt.“
Ich nickte. „Ich weiß. Das war während Deiner Bayernsaison. Aber es gibt manche Kriege, die es noch zu schlagen gibt...“
Er schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Schau Dir dies an,“ sagte ich, und reichte ihm seinen Vertrag.
Karimi blickte auf. „Dort ist bei Gehalt nichts eingetragen.“
„Trag Du eine Nummer ein. Egal welche.“
Sie alle taten es. Sie alle unterschreiben. Er auch.
Mein Masterplan ging auf. Ich hatte einen Perser. Wenn 300 Griechen alleine nicht eine Million Perser aufhalten, vielleicht, ja vielleicht brauchen sie die persische Unterstützung. Aber noch fehlte mir etwas...
*
Der Arzt im Gelsenkirchener Krankenhaus schüttelte seinen Kopf.
„Der spielt nie wieder Fußball.“
Als ich klein war, hat mir mein Vater eine Geschichte erzählt über das Seelenlose Böse. Das Böse ohne Augen, mit Augenhöhlen, in denen nur die tiefste Schwärze der menschlichen Bösheit zurückblickt.
Ich blickte in diese Augen. Nahezu bettelnd hob Angelos seine Arme, die an meinem Kaschmirmangel emporglitten. „Biiiiittttte....Felix.....beende es....“
Sein Blick ging zu seinem Kissen. Wie einfach wäre es? Es nehmen, es auf sein Gesicht legen. Das Ende aller Fragen. Das Ende aller Sorgen. Gegangen als Europameister.
Aber noch war seine Zeit nicht gekommen. Noch war es möglich, ihn zu retten. Ich stand von Horst Helds Rücken auf, und nahm die Flasche aus dem Mantel, die ich mitgebracht hatte. Gekonnt öffnete ich sie mit Horst Helds Zähnen. Ich blickte mich um; kein Krankenhauspersonal weit und breit in der Nähe. Auch Menschen, die täglich mit dem Tod umgingen, wollten nicht hier sein, in diesem Zimmer der Hoffnungslosigkeit und der nicht endend wollenden Verzweiflung.
Ich klemmte den Tropf an. Moderne Medizin heilte vielleicht Körper, aber nicht Seelen, dachte ich, als ich den Ouzo in den Tropf füllte. Diese Akademiker verstanden Fußball und Fußballer nicht.
Als ich wieder auf Horst Helds Rücken saß, fühlte ich mich wie Gandalf der Weiße, als er Egidius Braun aus der Trance holte, in die ihn Michael A. Roth versetzt hatte. Das Leben kehrte in ihn zurück wie in Angelos. Blässe wurde durch die Röte ersetzt; ein unregelmäßiger Herzschlag began, wie ein Kind zur Kinderdisco im Club-Urlaub zu tanzen. Augen öffneten sich. Ein Körper erhob sich. Ich war ihm einen Ball zu. Er köpfte, und der Fernseher implodierte von der Wucht des ihn treffenden Balles.
*
Am Abend stand ich wieder vor dem Fenster meines Büros. 299 Spieler schleppten Ziegelsteine für mein Denkmal. Nur Huntelaar lag noch in der Ecke, in eine Embroystellung verkrochen, und streichelte eine Charly-Dörfel-Figur. Die Nacht brach heran. Die Skl...Spieler würden lange arbeiten müssen. Für ein Denkmal. Für ein besseres Schalke. 300 gegen 1 Million. Ich hatte es vorbereitet.
Geschichte wiederholt sich. Aber hier, hier auf meine Art, dachte ich und drückte meine Zigarre auf Horst Stirn aus. Welch guter Tag.