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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Ohne Datenschmutz kein Datenschutz - TED (wir könnens auch).


Remsen
12.03.2010, 15:12
Hallo zusammen,

Unterforen sind bei uns allgemeinhin so beliebt wie ein Mückenschwarm im Schlafzimmer. Daher bedarf es hierfür immer einer besonderen Rechtfertigung, die kann sich jeder erstmal selber stricken.

Also fassen wir uns kurz. Worum geht es ? Um Wissen durch Fragen. Und wir wollen Fragen und fragen. Und natürlich Antworten. Mit anderen Worten: Was der Videotext kann, können wir schon lange. Und deutlich besser.

Mit anderen Worten: Auf der Sofacoach wird es zukünftig eine Frage der Woche geben, beginnend am Samstag, endend am Samstag (das hat eine Woche so an sich).

Die Bandbreite der Fragen ist nicht beschränkt, von A wie Arbeitsmarkt bis Z wie Zoobesuche ist alles drin. Gerne können im Vorschlagsthread auch Vorschläge gemacht werden, deshalb heisst der Thread ja so.

Zum technischen Prozedere: Die Antworten sind anonym, keinesfalls wird der Fragenersteller selbst als erstes antworten.

bG

TED

http://img251.imageshack.us/img251/5179/tedl.jpg (http://img251.imageshack.us/i/tedl.jpg/)

Remsen
12.03.2010, 17:44
Nicht verheimlichen möchte ich einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung, der sich in fluxkompensatorischer Manier unserer Idee bereits vor einigen Jahren angenommen hat.

Wer also mehr über die Tiefen von nicht unbedingt repräsentativen Meinungsumfragen erhofft, dem sei die weitere Lektüre empfohlen.


Das Hinterbänkler-Paradies

Deutsches Stammtischgegrummel hat eine neue Ausdrucksform gefunden: die Abstimmungsforen im Fernsehen.

von Alexander Kissler

Keinen besseren Ort hätte Michael Wolfsohn für seinen Tabubruch finden können. Der Münchner Historiker vertraute ausgerechnet dem Nachrichtensender ntv die Erkenntnis an, Folter sei im Kampf gegen den Terror legitim. Als Wolfsohn mit Sandra Maischberger plauderte, wusste er das Publikum hinter sich – das typische ntv-Publikum, das eher Mann als Frau, eher reich als arm ist und das eine kraftvolle Tat dem endlosen Palaver vorzieht.

Michael Wolfsohn hatte ein Heimspiel. 64 Prozent der ntv-Zuschauer begrüßen schließlich den Einsatz von Folter gegen Terroristen, 93 Prozent verlangen eine Sicherungshaft für verdächtige Ausländer, 97 Prozent fordern, dass Islamisten schneller abgeschoben werden. So stand es im Videotext. Die tägliche Meinungsumfrage mittels Anruf oder SMS ist – nicht nur bei ntv – zum Stammtisch der Nation geworden. Schnell, hart, mitleidlos wird mit der bösen Welt abgerechnet.

Wer darüber nachdenkt, ob Deutschland mehr direkte Demokratie wagen sollte, der werfe einen Blick in den Videotext von ntv, Tele 5, Pro Sieben, Sat 1, DSF, Kabel 1 und ZDF. Des Volkes Stimme, die sich da zu Wort meldet, will meist das Eine: mehr Ruhe, mehr Sicherheit, mehr Autobahn. Die Zahl der täglichen Anrufe pro Sender schwankt zwischen 500 und 4000. Jeder Teilnehmer zahlt pro Anruf 24 oder 49 oder 99 Cent. Ergo erzielen die Sender einen allerdings stark schwankenden täglichen Umsatz von bis zu 4000 Euro. Im Monat dürften sich die Kennziffern zwischen 5000 und 120 000 Euro bewegen. Die Gegenleistung kann sich sehen lassen. Nur ein paar Tasten am Telefon sind zu drücken, nur wenige Sekunden dauert die Ansage von Fräulein Computer, und schon ist alles Schiefe, alles Widersprüchliche gerade gerückt. Die Sender wissen, was sie einem Publikum schulden, das sich vor „Schlangenalarm in Amerika” oder während „Kommissare ermitteln” schnell äußern will: Fragen zu Law and Order sind der absolute Renner. Jeweils 70 Prozent der Pro Sieben- und Kabel 1-Zuschauer empörten sich, als Daniel Küblböck nach seinem Gurkenlasterunfall glimpflich davon kam; sie halten 25 000 Euro und acht Stunden Sozialdienst für ein viel zu geringes Strafmaß.

Wohl dieselbe Stammtischfraktion sorgte dafür, dass 81 Prozent des ZDF-Publikums den Einsatz der Bundeswehr auch im Inneren befürworten. Fast ebenso groß war bei Pro Sieben die Kritik am Besuchsprogramm des Kanzlers anlässlich des Jahrestags der alliierten Landung in der Normandie. Schröder, sagten 72 Prozent, hätte einen deutschen Soldatenfriedhof besuchen müssen.

Doch nicht nur Ressentiment und Verunsicherung brechen sich bei den Umfragen Bahn – auch die Schadenfreude hat ihren Auftritt, und eine Prise Verschwörungstheorie kann nie schaden: Kaum war die vergangene Bundesligasaison beendet, hielten die Fans Gericht. Angeklagt und mehrfach schuldig gesprochen wurde Oliver Kahn, Torwart-Titan a. D. Für 47 Prozent der Sat 1-Zuschauer ist er der Verlierer der Saison, 75 Prozent würden ihn nicht vermissen, wenn er ins Ausland wechselte. Nach dem Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft gewann er die Wahl zum unbeliebtesten Spieler.

Kahn befindet sich in guter Gesellschaft. Der einstige Sympathieträger Rudi Völler musste sich vom Sat 1-Publikum noch vor seinem Rücktritt belehren lassen, er sei der schlechteste Trainer Europas – 60 Prozent stimmten dem zu. Sogar 66 Prozent waren bei DSF der irrigen Meinung, Italien sei das Opfer einer Spielabsprache zwischen Dänemark und Schweden geworden, die sich bekanntlich mit genau jenem 2 zu 2 trennten, das für Italien das Aus bedeutete. Der Videotext ist das Medium der andernorts Zurechtgewiesenen und Zukurzgekommenen. Sie formen aus Trotz eine Gegenöffentlichkeit, eine zweite Realität mit nur wenigen Verbindungswegen hinaus in die erste.

Das ZDF schreckt vor genuin politischen Fragen am wenigsten zurück. Deshalb addieren sich die einmal wöchentlich wechselnden Fragen zu einer Chronik des Niedergangs. Wenn denn jemals ein Ruck durch Deutschland gehen sollte, ist dieser gewiss zuvor schon per Fernumfrage als Illusion, Trick, Betrug am Wahlvolk entlarvt worden. Alles, lautet die Botschaft aus dem öffentlich-rechtlichen Videotext, wirklich alles, was vor die Hunde gehen kann, geht vor die Hunde. Deutschland ist da, wo das Leben schmerzt: Nur acht Prozent sind mit dem hiesigen Gesundheitssystem zufrieden. 81 Prozent halten eine Spaltung der SPD in eine Schröder-Fraktion und einen Lafontaine-Kreis für unvermeidlich. Neun von zehn ZDF-Zuschauern sind der Meinung, des Kanzlers „Agenda 2010” sei endgültig gescheitert.

Den kleinen Sprung von der Politikerschelte zur Politikverdrossenheit vollziehen dann mit Lust und Freude die Privaten: Dass Wahlen zum Europäischen Parlament prinzipiell überflüssig sind, wissen bei Pro Sieben stolze 70 Prozent und immerhin 61 Prozent der Kabel 1-Genießer.

Unendlich dankbar aber für die meist täglichen Umfragen sind Parlamentarier ab Reihe 20. Wenigstens hier hinterlassen sie Spuren. Der Videotext ist Hinterbänklers Paradies. Pro Sieben ließ über den CSU-Vorschlag abstimmen, der Gesetzgeber solle für alle deutschen Fernsehserien ein Rauchverbot verhängen - 45 Prozent waren dafür. Fast die selbe Frage stellte, ins Reale verschoben, Kabel 1: Dessen Publikum wünscht sich mit 54:46-Mehrheit ein „totales Rauchverbot in Gaststätten und Restaurants”. Ebenfalls bei Kabel 1 stand unlängst die Behauptung des SPD-Mannes Vural Öger zur Debatte, Deutschlands Frauen seien gebärfaul; 49 Prozent stimmten zu. „Mehr Sex für unsere Renten?” fragte Sat 1, nachdem der CSU-Abgeordnete Johannes Singhammer aus München die deutschen Männer als Schlappschwänze abqualifiziert und ihnen die Verantwortung für den Geburtenknick zugeschoben hatte. Singhammer selbst muss sich in dieser Hinsicht keinerlei Vorwürfe machen, ist er doch sechsfacher Familienvater. Lange sah es nach einem Sieg für den vorbildlichen Herrn Singhammer aus, ehe mit 55 zu 45 Prozent die Ehre des deutschen Mannes knapp wieder hergestellt war.

Die Umfragen verlaufen keineswegs linear. Oft siegt in einem dramatischen Finish jene Fraktion, die bis kurz vor Torschluss im Rückstand lag. Und die erstaunlichsten Verschiebungen ereignen sich des Nachts, wenn fast ganz Deutschland schläft und die TED-Junkies zwischen den endlos wiederholten Gerichtsshows auf Sat 1 und den „Sexy Clips” des Sportfernsehens ihrem Laster frönen. Unglaubliches geschah in einer kühlen Nacht Ende September. Ehe auf Pro Sieben die „Quiz Night” begann, war man sich darin einig, dass Edmund Stoiber keineswegs ein besserer Außenminister als Joschka Fischer wäre – nur 28 Prozent gaben um Mitternacht dem bayerischen Ministerpräsidenten den Vorzug. Dann aber kam das Frage-und-Antwort-Spiel um 1 Uhr 10, ihm folgte eine Stunde lang die von „Home Shopping Europe 24” übernommene Einkaufsshow, ehe Ottfried Fischers „Bulle von Tölz” zwischen 3 Uhr 10 und 4 Uhr 55 die Trendumkehr vollendete. Als es hell wurde, hatte sich der hölzerne Charme des Vorzeigebayern über ganz Deutschland ausgebreitet: 72 Prozent wünschten sich plötzlich einen Außenminister Stoiber. Am bayerischen Wesen, zumindest aber am Wesen von Bad Tölz, das unweit von Stoibers Heimatort Wolfratshausen liegt, soll der Rest der Welt genesen.

Auch Soziologen dürften ihre Freude haben an diesen Monumenten der Vergeblichkeit. Was lässt sich für den Zustand bestimmter Milieus folgern, wenn bei Pro Sieben fast 70 Prozent im Kopftuch-Verbot für muslimische Lehrerinnen keine Diskriminierung erblicken, während es bei Kabel 1 nur 40 Prozent sind? Haben sich rund um den betulichen Retro-Sender islamische Fanclubs gebildet? Wie zerrissen ist eine Republik, die, wenn sie Tele 5 schaut, unbedingt rund um die Uhr einkaufen will, aber sobald sie ntv einschaltet, am Ladenschluss nicht rütteln will? Haben die Telefongewinnspiele bei Tele 5 das Volksvermögen derart anschwellen lassen, dass sechs Tage nicht mehr reichen, um es sinnvoll auszugeben?

Dabei wären die Deutschen auch auf andere Weise leicht zu erfreuen: Man müsste nur, laut Kabel 1 und ntv, die Atomkraft wieder fördern. Die Umfragen erhöhen nicht nur die Erlöse, sie dienen auch der Kundenbindung. So treiben sie die Segregierung der Gesellschaft in winzige Communities voran. Zu wissen, dass man unter seinesgleichen seine Stimme abgibt, erhöht die Zufriedenheit ungemein. Anders als an der Wahlurne, wo der Wohnungsnachbar den Sieg der eigenen Vorlieben verhindert, sorgt das gemeinsam geschätzte Fernsehprogramm für stabile und stabilisierende Resultate.

Tagsüber lässt sich mit dem nächtlich bestätigten Mehrheitswillen, der mit der eigenen Minderheitenmeinung zusammenfällt, trefflich punkten. Und falls die gleichgesinnten, unbekannten TED-Freunde einmal die irrige Position präferieren, ist alles eine Frage des Geldes. Wer will, kann mit der Wahlwiederholungstaste seiner Meinung zum Sieg verhelfen. Mehrheit ist machbar, Herr Nachbar.

Die definitive Auskunft zum Status eines gespaltenen Landes hätte eine Umfrage ergeben, vor der Pro Sieben leider zurückschreckte. Starr und stolz prangte auf der Videotexteinstiegstafel 100 die Frage aller Fragen: „Soll in Deutschland die Monarchie eingeführt werden?” Abstimmen konnte man dann aber nur darüber, ob Horst Köhlers Wahl zum Bundespräsidenten das Signal für einen Machtwechsel sei.

Der Videotext blieb sich treu: Er ist der schrille, laute, unberechenbare Areopag des Ephemeren.

Zwischen den „Sexy Clips” und dem Sportfernsehen wird sauber räsoniert und über die Zukunft Deutschlands abgestimmt.

www.sueddeutsche.de

Remsen
12.03.2010, 17:53
Also wenn ich mich nicht täusche, hab ich das Ding jetzt hier freigeschaltet und das Forum dabei nicht vernichtet.